Komplimente interkulturell – oder: das Gefühlschaos verstehen

Wahrscheinlich hatte ich in meinem ganzen Leben insgesamt nicht so viele Komplimente bekommen, wie in Mosambik innerhalb von wenigen Wochen. Sie kamen in Form von romantischen SMS-Texten, ganz direkten Kommentaren zu meinen tollen Haaren, Augen, etc. leicht durchschaubaren Fragen, ob ich denn eine Freundin hätte, die ich jemandem als mögliche Partnerin vorstellen könnte, und dem obligatorischen „você ficou gorda!“ – du bist aber dick geworden – was in Mosambik ein Kompliment ist.

Als unerfahrene 18-Jährige hat mich das in ein ziemliches Gefühlschaos gestürzt. Denn einerseits ist es ein echt gutes Gefühl, ernstgemeinte Komplimente zu bekommen – und andererseits war ich damit aufgewachsen, dass daran doch irgendwas faul sein muss. Ein Kompliment ohne Hintergedanken? In meiner Welt damals schwer vorstellbar, einfach weil Komplimente so unglaublich selten waren.

Und erst nach einer Weile verstand ich manches besser: diese romantischen SMS waren einfach Freundschaftszeichen, die man nicht besonders ernst nehmen muss, weil die mosambikanischen Jugendlichen sie allen ihren Freunden weiterleiteten. Und auch das ständige auf der Straße angesprochen werden, ist einfach eine andere Kultur.

Warum schreibe ich das alles? Dieser Blog ist ursprünglich mal gestartet, weil mich meine erste (und bisher einzige) Praktikantin fragte, wie ich denn bei meiner Arbeit damit umgehe, wenn mir mal ein Mann komisch kommt – schließlich arbeite ich zum großen Teil mit jungen Männern.

Mit dieser Frage werde ich mich in den nächsten Blogposts beschäftigen. Und dieser Hintergrund meiner Erfahrungen in Mosambik ist hierfür wichtig, denn hier habe ich gelernt, vieles nicht so persönlich zu nehmen, wie zuvor. Vielleicht ist es auch deswegen, dass ich bei meiner Arbeit noch keine Situation erlebt habe, in der ich das Verhalten eines Mannes mir gegenüber als völlig unangemessen eingeschätzt hätte. Wie ich mit so einer Situation umgehen würde, weiß ich deswegen nicht.

Aber ich weiß ziemlich gut, wie ich mit Situationen umgehe, die mich vor zehn Jahren ziemlich aus der Bahn geworfen hätten. Gefühlschaos eben. Mit denen ich wahrscheinlich nicht sehr gut hätte umgehen können. Zum Beispiel mit romantischen Nachrichten. Sowas wie: Ich liebe dich. Oder: Ich vermisse dich. Ja, das bekomme ich manchmal, meistens von Leuten, die gerade angefangen haben Deutsch zu lernen und jetzt stolz sind, mir schon was auf Deutsch schreiben zu können.

Wie gehe ich damit um? Ich gehe erstmal davon aus, dass sie das einfach nett meinen und nicht wirklich wissen, was es bedeutet. Und in vielen Sprachen ist es tatsächlich so, dass „Ich vermisse dich“ viel weniger aufgeladen ist, als auf Deutsch, und man es durchaus Freunden, Bekannten, Onkeln, Tanten und Arbeitskollegen schreibt. Also gehe ich auf die Kulturvermittler-Ebene und schreibe zurück (oder erkläre es im Gespräch): Danke, aber das ist eine Sache, die du in Deutschland nur deiner Freundin oder Verlobten oder Frau sagen darfst. Oder: Du, das darf mir nur mein Mann sagen. Meistens kommt dann ein: Ach so, Entschuldigung. Und damit ist das Thema durch. Und manchmal kommt es danach zu spannenden Unterhaltungen aus denen ich viel über Kulturen lerne. Aber das ist ein nächster Blogpost…

Eine der interessanten Unterhaltungen findet ihr hier:
https://luthech.wordpress.com/2019/02/07/ich-kann-doch-auch-sagen-ich-liebe-schokolade/

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